Dilla´s & Eva´s grenzwissenschaftl. & polit. Forum - Biologie, Genetik und Medizin

Der erste synthetische Organismus lebt!

Der erste synthetische Organismus lebt!

Andreas von Rétyi

Wieder einmal hat ein Wissenschaftler eine jahrtausendealte Grenze überschritten, wieder das Tor zu neuen Wirklichkeiten durchschritten. Der Genetik-Pionier Craig Venter konstruierte eine vollständig synthetische Erbsubstanz und schuf damit vor Kurzem eine Lebensform, die unsere Welt sonst nie gekannt hätte. Kann so etwas sehr viel Gutes bringen?

Das Experiment ist gelungen. Doch gerade das lässt auch manchen Fachmann erschaudern. Was Dr. Craig Venter, ein führender US-amerikanischer Genetiker, da unlängst in seinem Labor ausgeheckt hat, ist schon etwas ganz Besonderes. Etwas, das bislang nur pseudowissenschaftlicher Fantasterei entspringen hätte können, so scheint es zumindest. Dr. Venter legte gleichsam den Meilenstein für »Designer-Organismen«. Ja, es ist zwangsläufig zunächst nur ein kleiner »Meilenstein«, sogar lediglich mikroskopisch klein, doch die Konsequenzen könnten möglicherweise Berge versetzen.

Der amerikanische Forscher, manchmal auch »Herr der Gene« genannt, plante einen Organismus auf dem Reißbrett und sorgte in seinem Labor auch gleich für die praktische Umsetzung. Hier gestaltete er einen komplett neuen, der Natur nicht bekannten Gensatz und pflanzte dieses synthetische Genom in eine geeignete »Transporthülle« ein, in Gestalt eines Bakteriums, das bei Ziegen zu einer Milchdrüsenentzündung führt. Sein neuer Kern besteht vollständig aus Laborchemie. Und um den Einzeller auch definitiv als synthetischen Organismus zu kennzeichnen, brachte Dr. Venter gleich noch vier individuelle Stempel in die DNA ein, vier »Wasserzeichen«, die auch dabei helfen sollen, sämtliche Abkömmlinge jenes Organismus sicher identifizieren zu können, sollten sie abhanden kommen. Den Urahn jedenfalls taufte die Forschergruppe unverkennbar Mycoplasma mycoides JCVI-syn1.0. Das »JCVI« steht dabei, beinahe schon selbstredend, für J. Craig Venter Institute.

Rund 25 Wissenschaftler um Dr. Venter waren dort immerhin 15 Jahre mit diesem ehrgeizigen Projekt befasst, das insgesamt schätzungsweise 40 Millionen US-Dollar verschlang. Dafür aber dürfe das Ergebnis auch als »prägender Augenblick der Biologie« gelten, so einer der Beteiligten. Craig Venter selbst zeigt sich ebenfalls euphorisch: »Das ist nun eine lebende Art, ein Teil des Lebensinventars unseres Planeten. Das ist sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch ein wichtiger Schritt. Dieses Experiment hat meine Einstellung zur Definition des Lebens und seinem Funktionieren geändert.«

Schön für Dr. Venter! Und der Rest der Welt? Darf der gleichfalls jubilieren und seine Ansichten fröhlich ändern? Oder beginnt mit dem ganzen Spiel nur ein neues Kapitel künftiger Unwägbarkeiten und biologischer Angstprodukte? Eigentlich sollten die bislang bestehenden, grauenerregenden Arsenale nicht-synthetischer Biowaffen bereits völlig ausreichend sein. Vielleicht war auch Dr. Venter nur der erste zivile Wissenschaftler, dem dieses Experiment gelang, während manche Geheimlabors schon längst vergleichbare »Bioprodukte« ihr Eigen nennen dürfen. Wer weiß das denn schon wirklich so genau! Ganz in der Nähe von Dr. Venters Geburtsstadt Salt Lake City beispielsweise liegen die Dugway Proving Grounds mit ihren düsteren Biolabors, die auch Heimstätten der hausgemachten Anthrax-Panik im Gefolge des 11. September 2001 waren. Nun, das ist freilich eine andere Geschichte.

Craig Venter ist von seinen Visionen besessen. Craig Venter ist ein Genie. Nur ist das nicht immer gut. Gerade sein Forschungsgebiet bietet mehr als ausreichend Zündstoff für kontroverse Diskussionen. So dürfte sich die Verwunderung darüber sattsam in Grenzen halten, dass auch bei Weitem nicht jedermann von Dr. Venters Tätigkeit begeistert ist. Keine Frage, für den begeisterten Genforscher selbst öffnen die synthetischen Organismen breite Tore zu einer glücklichen Welt, in der Bakterien ganz gezielt Biotreibstoffe produzieren, Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufsaugen und Impfstoffe aller Art produzieren. Doch Kritiker weisen auch auf die eindeutigen Gefahren hin. Es sind nicht allein religiöse Gruppierungen, die Venters Arbeit verteufeln und davon sprechen, dieser Wissenschaftler spiele Gott. Eine ähnliche Ansicht vertritt unter anderen auch Julian Savulescu, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Oxford, der über Dr. Venter sagt: »Er bewegt sich auf die Rolle eines Gottes zu, wenn er künstliches Leben schafft, das auf der Erde niemals auf natürlichem Wege existieren hätte können.«

Eine grundsätzliche Gefahr besteht wohl besonders darin, dass niemand gegenwärtig sagen kann, welche biologischen Eigenschaften jenes künstliche Bakterium in sich birgt und welche Krankheiten es auszulösen vermag, sofern es vielleicht tatsächlich einmal – aus welchen Gründen auch immer – die Laborräume von JCVI verlässt. Selbst, wenn ein derartiges »Designer-Bakterium« nicht direkt den Menschen befällt, könnte es die Nahrungskette andernorts sehr empfindlich beeinträchtigen oder für bestimmte Tierarten gefährlich werden. Gewiss interessiert sich zudem auch das Militär für Venters Invention, aus der dann bald eine neue Biowaffe werden könnte.

Quelle



"Immer weigere ich mich, irgendetwas deswegen
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Jede Erkenntnis muss ich mir selbst erarbeiten.
Alles muß ich neu durchdenken, von Grund auf,
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Albert Einstein (1879-1955)