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Das Blind-Lineal-Spiel

Das Blind-Lineal-Spiel – wir spielen abstrakter Künstler


Liebe Zeichenfreunde,

hier kommt eine lustige Übung, die sich gerade spontan durch den folgenden Beitrag von Susann ergeben hat, als ich vorschlug, die Erinnerung an die eigene Kindheit und wie spontan wir damals gezeichnet haben wieder aufleben zu lassen. Lest selbst, was sich daraus Überraschendes entwickelt hat, und greift dann ungehemmt zu Stift und Papier. Durch das Vorzeigen eurer Ergebnisse und darüber reden entwickeln sich dann weitere Ideen.

Jan
ps: siehe auch Blindlinealbild von Dorothea.




Hallo Ihr Lieben,

auch Euch allen ein schönes, gesundes und schöpferisches 2008.

Jan, Deine Frage, wie wir über das Zeichnen von Kinderbildern denken, hat mich mal wieder in meine Vergangenheit geführt. Ich schreib einfach mal, was mir dazu einfällt, ob es für Dich und die anderen hilfreich ist, sei dahingestellt.

Ich habe leider keine Kinderzeichnungen mehr von mir, kann mich auch nicht erinnern, viel gemalt zu haben. Wenn, dann wollte ich auch da schon einen gewissen, vermeintlichen Perfektionismus an den Tag legen. Ich hatte immer im Kopf, das muss so und so aussehen (habe z.B. mit Lineal gemalt, was ja für Kinder sehr untypisch ist. Und ich habe mich nicht getraut, frei mit Farben zu malen, sondern alles mit Bleistift vorgezeichnet und dann versucht, akkurat auszumalen. (Wie bei den Malbüchern, die es früher zu Hauf gab, von denen es dann später hieß, dass diese die Kreativität hemmten.)

Für mich waren diese Vorgaben so was wie ein "Geländer", weil ich "wusste", dass ich sowieso nicht malen kann und somit froh war, trotzdem etwas Vorzeigbares schaffen zu können.
Die Aufgabe (Aufgabe!!!) bestand für mich dann darin, nicht über den Rand zu malen. Oh je - das lässt ja tief blicken.
Hihi, da fällt mir gerade ein, dass ich mir als Kind (bestimmt noch keine 10) mal Milimeterpapier gewünscht habe, darauf habe ich dann Grundrisse von Wohnungen (von "unserer" zukünftigen Wohnung, um genau zu sein) konstruiert. Vielleicht hätte ich Architektin werden sollen.

Wenn ich an mein Schulheft im Fach Sachkunde denke (Grundschule), dann habe ich da auch immer alles mit Lineal (so weit es ging) und Bleistift vorgezeichnet und ausgemalt. Hat alles sehr steif ausgesehen, wie heute auch noch.

Deswegen denke ich, wenn ein Erwachsener heute ein Kinderbild malen soll, dann wird er das so tun, wie er glaubt, dass Kinder malen (außer er hat diese Unbedarftheit nie verloren - ich hatte sie nie, zumindest nicht so weit ich mich an meine "Gemälde" zurückerinnern kann.). Und schon ist das wieder vom Kopf her bestimmt.
Ich würde also so vorgehen, tunlichst zu vermeiden, was ich früher gemacht habe (nämlich Lineal und Bleistift, Buntstifte, usw.) Ich würde zu Wachsstiften und/oder Wasserfarben greifen, was ich damals nicht mochte, weil damit alles so "ungenau" wurde. Dann würde ich mir alle Kinderbilder in Erinnerung rufen, die ich seitdem gesehen habe und versuchen!!! SO zu malen.
Also im Grunde dasselbe "Spiel", wie als Kind, nur von der anderen Seite her aufgezogen.

Von daher fand ich die Schreibübungen gut, weil sie vom Jetzt ausgehen und in das Spielerische (zurück)führen.

Ich weiß ja nicht, wie Du eine solche neue Übung konzipieren möchtest, aber für meinen Teil denke ich, dass es wie bei den Schreibübungen gut wäre, von "heute" auszugehen und allmählich freier zu werden. Frag mich aber nicht, wie ich mir das vorstelle.
Vielleicht übers Abstrahieren, auch das Blindzeichnen könnte eine Hilfe sein. Wenn ich meine "Blindzeichnungen" anschaue, bin ich immer irgendwie überrascht. Ich finde sie nicht häßlich, egal wie krumm und schief sie sind. Sie sind, wie sie sind. Das kann ich da ganz gut akzeptieren. Der Anspruch, etwas 1:1 abbilden zu müssen, kann nicht gelten und schon sehe ich es mit anderen Augen.
Dafür sehe ich etwas ganz anderes darin, was ich schwer beschreiben kann. Eine Art von Leichtigkeit, die mir auf diese Art und Weise unbekannt ist, vielleicht etwas, das auch in mir steckt und mir im Alltag nicht bewusst wird.
Nun sollte man ja meinen, dass das erst recht bei Phantasiebildern der Fall wäre, da habe ich ja gar keine reale Vorgabe, doch bin ich da auch unzufrieden, wenn es nicht so wird, wie ich es mir "vorstelle".
Ich habe den Verdacht, der Schlüssel beim Blindzeichnen liegt darin, nicht zu sehen und somit nicht kontrollieren zu können, was man macht. Das ist so eine Art Freibrief, der Hemungen löst. Also auch bei freien Zeichnungen erst einmal blind zeichnen?
Müsste ich mal ausprobieren, ich habe immer noch nichts gezeichnet, seit meiner letzten mail.

Na ja, jedenfalls wäre die Übung im Stil "Zeichnen Sie wie in Ihrer Kindheit", oder ähnlich, nichts für mich, wenn nicht irgendwelche anderen "lösenden" Übungen vorangegangen wären, wie z.B. auch die Spiralen. Ich glaube, um unbefangen wie EIN Kind (nicht, wie ICH ALS KIND), malen zu können, müßte ich mich erst in ein ganz anderes Bewusstsein aufmachen. Sonst bliebe es bei: ich male, wie ich glaube, dass ein Kind malt.

Oh je, nun habe ich so viel Senf von mir dazu gegeben und sehe jetzt erst, dass du die Übung schon unter "Spielstunde" eingestellt hast. Ich schreibe nämlich erst außerhalb des Forums, damit nichts verschwindet.

Ich lasse es aber so, war für mich ganz hilfreich, mal darüber nachzudenken und vielleicht habe ich nebenbei eine Übung für mich entdeckt, die ich mal über einen längeren Zeitraum konsequent durchführen sollte: das Blindzeichnen, auch von abstrakten und phantastischen Vorstellungen.

Lieber Jan, diese Antwort ist ganz persönlich auf mich zugeschnitten und vielleicht stehe ich mit meinem kindlichen Perfektionismus ziemlich alleine (obwohl, ich kenne das so ein paar Kinder ...). Ob's also für Dich und Dein allgemeines Konzept sehr hilfreich war, bleibt fraglich.


Liebe Grüße,
Susann



Das Blind-Lineal-Spiel

Hallo Susann,
danke für deine Neujahrswünsche und deine ausführliche Antwort. Mir kommt da eine Idee:
1.
Wenn du so gerne zum Lineal greifst, dann schau dir doch mal kurz die Bilder von Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und andere Abstrakte Kunst an, die ich gerade unter "Meisterwerke" in die Bookmarks gelegt habe.
2.
Anschließend nimmst du ein Lineal und ein Papier, einen scharfen Stift, schließt die Augen und zieht ein paar geradce Linien übers Blatt.
3.
Wenn du die Augen wieder öffnest, greifst du zu Buntstiften, kolorierst die Flächen und achtest dabei darauf – wie bei den Ausmalbüchern der Kindheit –, die scharfen Linien nicht zu übermalen.
4.
Das hindert dich aber nicht, an den Stellen, wo keine Linien sind, einfach einen allmählichen Farbverlauf zuzulassen.

Aufgabe also: Schaue dir abstrakte Bilder an, in denen viele gerade
Linien vorkommen, dann greife zum Lineal, mach die Augen zu und denk an
deine Kindheit.

Ich werde dieses Blind-Lineal-Spiel gleich mal testen und sehen, was dabei herauskommt, vielleicht auch auf Millimeterpapier. Wenn du dieselbe "Aufgabe" geschehen lässt, können wir anschließend vergleichen, wie sich die Bilder unterscheiden.
Auf die Plätze, fertig, los, ... Wer zuerst ein Bild hat, zeigt es vor. (Ich fange nach dem Abendbrot damit an.)

Jan





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Jan

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Re: Das Blind-Lineal-Spiel – wir malen abstrakte Kunst

Oh Jan, Du Retter in der Not ...

eine Übung speziell für mich!

Da kann ich natürlich nicht "nein" sagen und somit hast Du mich aus meinem Loch geholt, in dem ich seit heute nachmittag sitze. Besser gesagt, weg von meinem Bericht, der einfach nicht gedeihen will, auch wenn ich die Überschrift hundert mal umstelle. (Mehr gibt es noch nicht zum Umstellen.)

Und .... ich habe endlich meine neuen Stifte ausgepackt, die ich Ende des Kurses gekauft habe (wieviel Monate ist das schon her?) und jetzt ausprobiert.

Es sind getönte Graphitstifte, die wasservermalbar sind. Die Farben sind total gedeckt und die Nuancen unterscheiden sich kaum, erst recht in diesem Dämmerlicht, in dem ich gerade arbeite.
Auch beim Scan hat's nun einige helle Stellen verschluckt, während die Farben selbst im Original nicht so kräftig sind. Ich kann sie auf dem Blatt zum Teil kaum bis gar nicht unterscheiden.

Die von Dir genannten Bilder musste ich mir gar nicht anschauen. Feininger war mal einer meiner Favoriten, inzwischen mag ich's nicht mehr so graphisch.
Und ich habe eine schöne Postkarte von Andreas Felger hier stehen (Der Seraph göttlicher Liebe), die geht auch in die Richtung, aber etwas "malerischer".

Egal, was auch immer da jetzt raus gekommen ist, Du hast mich zum Zeichnen gebracht!

Später will ich die Farben mal vermalen, bin wahnsinnig gespannt. Dummerweise sind meine entstandenen geometrischen Formen klein bis winzig geworden, das wird mit dem Pinsel eine echte Herausforderung. Aber ich will's ja nicht mehr graphisch.

Das kommt dann später, nach meinem Abendbrot.

Bin schon gespannt auf Deine Variante!

Gruß,
Susann







kind.jpg (282 kByte, 1.280 x 929 Pixel)
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Re: Das Blind-Lineal-Spiel – wir malen abstrakte Kunst

klasse, es hat geklappt! ich geh erst mal abendbrotessen, dann lege ich los!
ich bin begeistert.

jan




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Jan

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Re: Das Blind-Lineal-Spiel – wir malen abstrakte Kunst

klasse, es hat geklappt!


Jahaaaaa ...


So, während das Nasse nun trocknet, konnte ich's natürlich nicht lassen ... wo der PC schon an ist: Spielstunde!







Vogels_Spielstunde.jpg (121 kByte, 932 x 1.280 Pixel)
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Blind-Lineal-Spiel in Blau

hallo susann,

endlich beginnt es bei dir im kopf zu pipsen, ich meine, der vogel der fantasie kommt ins flattern und getraut sich abzuheben. ganz prima. und wie sieht dann das nassgewordene aus? bin gespannt.

hier ist mein erstes blindlinealbild, oder besser gesagt blinzellineal, denn ich habe zwar manche linien blind gezogen, aber nicht alle, die versuchung zu blinzeln war zu groß. anschließend habe ich mit hellblau angefangen, den augenfälligsten querbalken, der in der mitte spitz zusammenläuft, etwas zu betonen, dann kam ein dunklerer blaustift dazu, schließlich der dunkelrote und dann ein rosa stift. das waren vier buntstifte insgesamt. da ich aber mit den weiß auslaufenden rändern nicht zufrieden war, habe ich den ganzen rand mit dunkelblauer pastellkreide eingefärbt und anschließend mit dem wattebausch verwischt. da war der mittelteil vom blau noch umbeleckt. das blau war mir zu intensiv, also kam noch ein dumpferes blau dazu, ebenfalls pastellkreide, und beim verwischen mit dem wattebausch bin ich immer weiter über die mitte gewandert, bis alles aussah wie durch den kakao oder besser durchs tintenfass gezogen, eine einzige blaue suppe.
also kam als letzter schritt der rettende knetradierer zum einsatz, mit dem ich mehr und mehr einzelflächen wieder heller getupft und gerieben habe.
als ich dann zufrieden war, schnell vors fenster gelegt und mit fixativ übersprüht, damit das scannerfenster nicht zu blau wird, ich selber bin ja beim zeichnen schon blau genug geworden.
und jetzt schnell hochladen, bevor mein netzanschluss (pünktlich halb 11) seine nachtruhe beginnt.
ich muss sagen, die übung macht spaß. die nächsten bilder können nur noch besser werden. danke für deine ausführliche schilderung der kindheitserinnerungen.

jan




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Jan

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Re: Das Blind-Lineal-Spiel – wir malen abstrakte Kunst

Ne, neeee, lieber Jan ... da piepst's schon immer!

Dein blind date war ja sehr erfolgreich! Ist super geworden, könnte so in der Staatsgalerie hängen. Faszinierend finde ich das "Licht" hinter dem Zentrum. Das sieht nicht einfach nur weiß aus, das leuchtet wirklich.

Vier Farben nur und trotzdem so nuancenreich. Aber ... an der Komposition sieht man, dass Du gespickelt hast. Als Kind müsstest Du jetzt nachsitzen.

Ich muss mal probieren, ob man die Graphitstifte auch verwischen kann, müsste ja eigentlich gehen. Aber heute nicht mehr.

Also, das nasse Bild sieht ziemlich ... nass aus. Ich habe sehr unorthodox gearbeitet mit lauter Dingen, die ich noch nie benutzt habe. Die Farben sind sehr interessant. Trocken zum Teil sehr undifferenziert und eben gräulich, nass dann mit großer Leuchtkraft.

Ein gescheites Papier wäre nicht schlecht gewesen, und dann habe ich einen Silikon"pinsel" verwendet, auch zum ersten Mal.
Mit dem kann man bis in die dünnste Spitze malen und "sauigeln", wie man will, verbiegen sich ja keine Haare. Aber er nimmt natürlich kein Wasser auf und auch keines weg, da, wo zuviel ist. Ok, das Teil ist ja auch gedacht, um in dicke Farbe zu tauchen und nicht in Wasser. Dafür ging's aber ganz gut. Das ganze ist ziemlich fleckig geworden, weil eben das Wassser nicht so recht portionierbar ist und vielleicht liegt's auch etwas an den Farben, das muss ich mal gesondert testen.

So richtig gefallen tut's mir nicht, mich stört auch das weiß am Rand.
Mal sehen, ob ich noch irgendwas daran verändere, so in Richtung "ungehemmte Kinderzeichnung", aber erst, wenn mein Bericht ... räusper ...

Vielen Dank für die Anregung, Jan, und fürs "Anstupsen". Bin mal gespannt, was sich da noch draus entwickelt.


Susann







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 Re: Abstrakte Kunst: Das Blind-Lineal-Spiel



Hallo Susann,
das freut mich. Als ich nach dem Abitur an die Kunsthochschule kam, gab es ein paar Mitstudenten, die ich ziemlich verrückt fand und genau deswegen beneidet habe, weil ihre Bilder dadurch besonders eigenwillig waren. Und ein eigenwilliger Stil sticht bekanntlich aus der Menge hervor und hat größere Chancen, Beachtung zu finden. Aber nicht nur wegen der Beachtung habe ich sie beneidet, sondern weil ich ihre Bilder wirklich besser fand als meine. (Wobei wir wieder beim alten Thema der Selbstzweifel und des ewigen Zensors gelandet sind.)

... Faszinierend finde ich das "Licht" hinter dem Zentrum ... das leuchtet wirklich.

Das ist sehr einfach zu machen: am Rand möglichst dunkel beginnen und die Farbe zur Mitte hin verdünnen bzw. die Kreide mit dem Wattebausch nach innen verwischen. Am Rand habe ich einfach einen dunklen Kreidebalken übers Papier gezogen, das sieht zuerst sehr grob aus, aber durch den Wattebausch wird es bei genügendem Verreiben immer milder und einheitlicher, und mit der Zeit ist der Bausch so eingefärbt, dass er auch Farbe abgibt, wenn man weiter nach innen wischt. Als dann alles aussah wie einheitlich blaue Soße brauchte ich nur mit dem Knetradierer ein paar Flächen wieder auszutupfen, dadurch strahlt das Bild von innen nach außen.

... Vier Farben nur und trotzdem so nuancenreich.

Das ist der alte Trick: Je weniger Farben du nimmst, desto intensiver kommt jede einzelne Farbe zur Geltung. Eine Farbe braucht Platz, um ihre Schönheit und Leuchtkraft zu entfalten. Vergleiche mal dieses "abstrakte" Bild mit der bunten "Kinderlandschaft" ganz oben: viele Farbstifte, aber nicht farbig, sondern bunt. Kinder haben es meistens gerne bunt, allerdings staunen sie auch, wenn ein Märchenbild durch Farbigkeit eine geheimnisvolle Atmosphäre verbreitet (siehe Anhang: Vollmondnacht).

... Aber ... an der Komposition sieht man, dass Du gespickelt hast.

Unbewusst habe ich sowohl mit geschlossenen wie mit offenen Augen folgende Kompositionsgesetze im Kopf gehabt:

1. Senkrechte und waagrechte Linien wirken statisch und beruhigend, aber wenig dynamisch, darum habe ich das Lineal immer schräg gehalten.

2. Zu viele verschiedene Richtungen wirken chaotisch und verwirrend, jede Richtung braucht zum Auffangen Parallelen im Bild.

3. Rhythmus entsteht durch Variation der Äbstände, der Häufigkeit und der Größe.

4. Zu viele Linien schwächen die Übersichtlichkeit, es langt, ein paar Grenzen für die Farbflächen anzudeuten, der Rest kommt durch die Farbe und die Farbverläufe.

... Ich muss mal probieren, ob man die Graphitstifte auch verwischen kann, müsste ja eigentlich gehen.

Ja natürlich geht das. Du kannst den Wattebausch schon gleich am Anfang mit einplanen, indem du die Flächen, die zart und hell bleiben sollen, nur leicht schraffierst und dann mit Watte kräftig verreibst. Anschließend kannst du die dunkeren Stellen zeichnen, die du nicht verreiben willst. Dadurch vermeidest du, dass durch das Verreiben alles lasch und strukturlos aussieht. Der Reiz der deutlich erkennbaren Schraffur sollte möglichst erhalten bleiben.

... Also, das nasse Bild sieht ziemlich ... nass aus. ... Ein gescheites Papier wäre nicht schlecht gewesen ...

Mein Bild ist ebenfalls mit Aquarellstiften gemalt, allerdings mache ich die Zeichnung nur nass, wenn ich auf Aquarellpapier gemalt habe. Alles andere Papier wellt sich leider beim Trocknen, weil es nicht zum Befeuchten gedacht ist (selbst durch dickere Tuschestriche wellt sich Papier, das dafür nicht geeignet ist).
Aquarellstifte verleiten zum Befeuchten, weil die Farbe nass stärker zum Leuchten kommt. Leider merkt man erst im Nachhinein, dass man das falsche Papier verwendet hat. Für Buntstifte greift man normalerweise zu Zeichenpapier. Ich verwende die Aquarellstifte nur, weil sie einen weichen Farbauftrag geben, nicht glänzen und sanfter aussehen als die harten oder öligen Farbstifte.

... mich stört auch das weiß am Rand. Mal sehen, ob ich noch irgendwas daran verändere

Die Wellen und Flecken vom Befeuchten kannst du durch Dunkelheit übertünchen, am besten mit kräftigen Schraffuren, dadurch kann die Mitte auch farbiger wirken.

... Bin mal gespannt, was sich da noch draus entwickelt.

Ich auch. Vor allem hoffe ich, dass sich auch andere angeregt fühlen, mal zum Lineal zu greifen, die Augen zu schließen und einfach mal den abstrakten Künstler zu spielen.

Viele Menschen haben keinen Zugang zur abstrakten Kunst, nach meiner Meinung aus einem einfachen Grund: Sie haben es noch nicht selber versucht. Für mich persönlich kommt das Verständnis für zeitgenössische Kunst nicht durch betrachten, sondern durch selber zeichnen. Beim Nachvollziehen des Malvorgangs wird mir plötzlich kar, wie einfach und folgerichtig solche Bildwerke im Gestaltungsprozess entstehen. Unser Zeichenprofessor im Mainz sagte immer: Jedes Bild eines Altmeisters enthält die Gesetze der abstrakten Kunst, Komposition, Rhythmus, Wiederholung, Gegensatz, alles, was eine Bildfläche reizvoll macht, hat mit dem Gegenstand der Darstellung überhaupt nichts zu tun.

Bei der Auswahl der Buntstifte bekamen die Linien, die ich anfangs blind und fast unbewusst gezeichnet hatte, plötzlich immer mehr Bedeutung. Die seltsamen Diagonalen, die sich ganz ohne parallele Entsprechung übers Bild ziehen, wurden ganz von selbst zur Hauptsache und mit der intensivsten Farbe betont, gleichzeitig habe ich das Rot nur für möglichst kleine Flächen verwendet, das blau dagegen für den gesamten Hintergrund. (rot springt nach vorn, blau zieht nach hinten wie der Himmel).
Dieses Spiel mit abstrakten Formen ist am besten geeignet, um Komposition, Bildaufteilung, Farblehre und vieles andere in Reinform zu üben.

Genug für heute.

Jan
PS:
Hättest du was dagegen, diesen Beitrag in den Schnupperkurs
zu verschieben, damit er öffentlich für alle sichtbar wird? Ich will
dort eine Ecke für Mal- und Zeichenspiele zum Mitmachen einrichten, die als Wiedereinstieg ins Zeichnen und
Malen geeignet sind.



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Jan

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Re: Erinnerungen an die Kindheit

Hallo Jan,

was für eine ausführliche Antwort, danke!

Bin gerade noch mit einem anderen "Projekt" beschäftigt - nein, nicht mein Bericht, der kommt dann als nächstes (wirklich?) - deshalb dauern meine Experimente noch ein wenig.

Ich wollte nur sagenschreiben, dass Du das gerne in den Schnupperkurs übernehmen kannst.
Später also mehr.

Liebe Grüße,
Susann


PS: Dein Bild ist ja entzückend! Ich liebe Trauerweiden am Wasser.



Das Blind-Lineal-Spiel

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Jan
 

Jan

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